Warum müssen in Deutschland eigentlich ständig Brücken saniert werden? Und was hat ein Hängegerüst an der Rheinbrücke Maxau überhaupt damit zu tun?
19. Januar 2026Brücken werden in Deutschland systematisch überwacht: Grundlage ist die Bauwerksprüfung nach DIN 1076, mit der Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit bewertet und in Zustandsnoten dokumentiert werden.
Im Netz der Bundesfernstraßen gibt es rund 39.500 Brücken – viele davon stammen aus Bauphasen mit deutlich geringeren Verkehrslasten, insbesondere im Schwerverkehr. Um den Substanzverzehr zu stoppen, wurde ein Brückenmodernisierungsprogramm für besonders belastete Autobahnabschnitte aufgelegt. Gleichzeitig kritisiert der Bundesrechnungshof, dass die Modernisierung „maroder Brücken“ zu langsam vorankommt und priorisiert werden müsse.
Typische Ursachen für Brückensanierungen
Überalterung + Mehrbelastung: Brücken, die z. B. in den 1960ern für deutlich weniger Verkehr geplant wurden, tragen heute ein Vielfaches. Bei vielen Bestandsbrücken steigt insbesondere die tägliche Schwerverkehrsbeanspruchung.
Korrosion an Stahlbauteilen: Sobald Beschichtungen altern oder beschädigt sind, kann Feuchtigkeit/Salz angreifen. Beispielsweise entstehen Rostnester an Knotenblechen, Kantenkorrosion oder eine Unterrostung an Überlappungen.
Rheinbrücke Karlsruhe (Maxau): Ein Bauwerk unter Dauerbelastung
Die Rheinbrücke Maxau (B 10) verbindet Karlsruhe mit Wörth und ist eine Stahl-Schrägseilbrücke. Sie wurde 1966 in Betrieb genommen; das Verkehrsaufkommen hat sich seitdem massiv erhöht (von ca. 18.000 Kfz/Tag bei Inbetriebnahme auf werktäglich über 80.000 Kfz/Tag).
Bei solchen Lasten ist klar: Der langfristige Erhalt hängt wesentlich davon ab, dass Tragwerk und Korrosionsschutz kontinuierlich ertüchtigt werden – und zwar möglichst ohne Sperrung einer zentralen Rheinquerung.
Die zentrale Randbedingung für eine Sanierung: Die Brücke musste in Betrieb bleiben
Bei der Rheinbrücke Karlsruhe war die Aufgabenstellung besonders anspruchsvoll: Eine Vollsperrung ist kaum darstellbar, weil Ausweichquerungen nicht „nebenan“ liegen und Verkehr, Wirtschaft und Rettungswege betroffen wären. Ergebnis: Sanieren im Bestand unter laufendem Betrieb, während tausende von Autos die Brücke täglich überqueren – jedoch mit strengen Grenzen für zusätzliche Lasten, die in das Bauwerk eingeleitet werden dürfen.
Ziel: Neuen Korrosionsschutz anbringen
Korrosionsschutz bedeutet im Kern: Altbeschichtung runter, Oberfläche definieren, Neubeschichtung drauf. In der Praxis läuft das häufig so ab:
- Strahlen (Oberflächenvorbereitung): Stahlträger werden mit Strahlgut gereinigt, um Rost, lose Altbeschichtung und Verunreinigungen zu entfernen.
- Beschichten (Neusystem aufbauen): Anschließend folgt ein mehrlagiger Beschichtungsaufbau (z. B. Grund-, Zwischen- und Deckbeschichtung), passend zur Expositionsklasse und Nutzungsdauer.
Rahmenbedingungen für den Aufbau
Wesentliche Ziele standen im Vordergrund:
- Durchfahrtshöhe im Rhein sichern: Das Hängegerüst musste die erforderliche Höhe für die Schifffahrt gewährleistet bleiben.
- Über den Mittelpfeiler verschiebbar: Das System sollte über den Mittelpfeiler „drübergeschoben“ werden können, ohne komplett demontiert und neu aufgebaut zu werden. Das spart einiges an Umrüstzeit und reduziert Risiken beim wiederholten Auf- und Abhängen.
3. Gewässerschutz beim Strahlen: Auffangen, abdichten, räumen: Strahlarbeiten über einem Gewässer sind nur beherrschbar, wenn der Stoffeintrag sicher ausgeschlossen wird. D.h. Strahlgut durfte auf keinen Fall in den Rhein gelangen. Das Plateau sollte daher mit Planen vollständig „ausgedichtet“ werden. Mithilfe von Gummischrotmatten als Schutz- und Laufschicht sollten die Planen nichtbeschädigt werden.
Montage- und Logistikkonzept: Vormontage, Transport, Einhängen
Damit die Plateaus entlang der Brücke verfahren werden konnten, wurde zusammen mit Layher eine Gerüstkonstruktion geplant – ergänzt mit Sonderbauteilen, die an einem speziell gefertigten Rollensatz an den Stahlprofilen der Brücke aufgehängt werden konnte.
Die Umsetzung erfolgte in klaren Schritten:
- Vormontage der Binderfelder auf dem Baustelleneinrichtungsplatz (inkl. Aussteifungen). Eine Vormontage erhöht die Qualität, weil Geometrie und Anschlüsse kontrolliert werden können.
- Transport der vormontierten Einheiten in den Bereich unterhalb der Brücke.
- Einheben/Einhängen: Rollböcke wurden per Teleskopstapler nach oben gebracht und zunächst an der Brücke angehängt; daran wurden die Fahrgerüste mit den Aufhängevorrichtungen montiert. Für die Arbeiten wurden zwei Plattformtypen vorgesehen: Ein Großes Plateau (ca. 10 × 12 m): zum großflächigen Strahlen ganzer Abschnitte und ein kleineres Plateau (ca. 2,50 × 12 m) für die nachgelagerten Beschichtungsarbeiten.
- Schließen der Zwischenfelder und Montage des äußeren Geländers.
- Einbau von Planen- und Matten-Systemen (Planenschutz + Gummischrotmatten als Laufschutz).
Statik und Prüfprozesse: Lasten transparent machen
Das gesamte System wurde statisch berechnet. Aus Eigengewicht und Nutzung ergaben sich Punktlasten, die in das Brückenbauwerk eingeleitet wurden. Diese Lastannahmen mussten vorab vom Bauherrn bzw. der prüfenden Stelle verifiziert werden, um sicherzustellen, dass das Bauwerk die Zusatzlasten aufnehmen kann.
Arbeitssicherheit: Absturzschutz und definierte Anschlagpunkte
Bei einer Großkonstruktion über Wasser sind Sicherheitsvorkehrungen zwingend: Hier ist die PSAgA (Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz) als Standard.
Fazit: Erhalt statt Ausfall – mit Technik, Planung und Disziplin
Die Rheinbrücke Karlsruhe (Maxau) zeigt exemplarisch, wie komplex „normale“ Instandhaltung heute ist: Korrosionsschutz ist nicht nur Strahlen und Streichen, sondern ein Zusammenspiel aus Betriebsauflagen, Lastmanagement, Gewässerschutz, Montage-Logistik, Statik und Arbeitssicherheit.
Gerade weil Deutschland seine Brücken systematisch prüft und die Zustände in Zustandsnoten abbildet, werden Handlungsbedarfe sichtbar – und müssen dann mit Programmen und Prioritäten konsequent umgesetzt werden.
Quellen zu dem Beitrag:
BASt – Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (o. J.) Korrosionsschutz von Stahl- und Stahlverbundbrücken [Online]. Verfügbar unter: https://www.bast.de/DE/Themen/Infrastruktur/HF_1/Massnahmen/korrosionsschutz.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
BASt – Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (o. J.) Hinweise zur Zustandsbewertung von Brückenbauwerken [Online]. Verfügbar unter: https://www.bast.de/DE/Themen/Digitales/HF_4/Massnahmen/brueckenstatistik/Hinweise-Zustand/hinweis_node.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
BASt – Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (o. J.) RI-ERH-KOR – Richtlinien für Erhaltung des Korrosionsschutzes von Stahlbauten (PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bast.de/DE/Publikationen/Regelwerke/Ingenieurbau/Erhaltung/RI-ERH-KOR-Erhaltung.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
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BASt – Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (o. J.) ZTV-ING, Teil 4, Abschnitt 3: Korrosionsschutz von Stahlbauten (PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bast.de/DE/Publikationen/Regelwerke/Ingenieurbau/Baudurchfuehrung/ZTV-ING-4-3.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
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Bundesrechnungshof (2024) Brückenmodernisierungsprogramm – Volltextbericht (PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2024/br%C3%BCckenmodernisierungsprogramm-volltext.pdf?__blob=publicationFile&v=4 (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
Bundesrechnungshof (2025) Modernisierung maroder Brücken deutlich im Rückstand (Kurzmeldung) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/brueckenmodernisierung/kurzmeldung.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
Bundesrechnungshof (2025) Modernisierung maroder Brücken deutlich im Rückstand (Pressemitteilung) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/brueckenmodernisierung.html (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
Bundesrechnungshof (2025) Schleppende Modernisierung maroder Brücken an Bundesfernstraßen (Bericht, PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2025/brueckenmodernisierung.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
Deutscher Bundestag (2025) Drucksache 21/2449 (PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://dserver.bundestag.de/btd/21/024/2102449.pdf (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
KIT – Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Massivbau und Baustofftechnologie (2021) Zur Ertüchtigung der Rheinbrücke Maxau mit hochfestem Beton (PDF) [Online]. Verfügbar unter: https://www.imb.kit.edu/bt/downloads/2021%20Ert%C3%BCchtigung%20der%20Rheinbr%C3%BCcke.pdf (Zugegriffen: 14. Januar 2026).
